Styriarte - Die steirischen Festspiele
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styriarte 2010: Heimat, bist du

25. Juni bis 25. Juli 2010

 

Thema 2010 Heimat, bist du

Wenn sich in seiner offiziellen Hymne ein „Volk, begnadet für das Schöne“ feiern lässt, dann muss es dort eine ganz besondere Beziehung geben zwischen den Menschen und der Kunst. Zumindest aber hat dann die Kunst, das Schöne, den Rang von nationaler Bedeutung. Paula von Preradović hat diesen Hymnen-Text geschrieben, als nach dem Ende der Naziherrschaft inmitten aller materiellen und seelischen Zerstörungen die ersten Keime der Hoffnung aufgingen. In einer Zeit, da die Schrecken des Nationalismus und anderer Ismen noch handgreiflich zu spüren sind, definiert sie Österreich durch seine scheinbar unbelasteten Eigenheiten: als Natur („Land der Berge …“) und als eine Gesellschaft der Kunstschaffenden. Und dies nicht nur aus eigener Anschauung, sondern als Resultat des Blickes von außen: „vielgerühmtes Österreich“.

Die styriarte 2010 nimmt diesen Faden auf und fragt unter einem Motto aus Paula von Preradovićs Hymne nach der Nation Österreich, und danach, wie diese durch ihre zentrale Kunstgattung geprägt wird: die Musik. Die Suche nach Österreich in der Musik führt weit zurück in eine Zeit, die von Nationen noch nichts weiß, dafür aber von Familien, die ihr Territorium als gottgegebenen Besitz wahren wollen. Es überrascht, wie sehr die Kunst schon im Mittelalter den Rang einer Hofhaltung bestimmt. Und wie stark schon die erste österreichische Herrscherfamilie, die Babenberger, ihren Ruhm durch Hofmusiker mehrt. Walther von der Vogelweide ist quasi der erste in einer langen Reihe von Hofkomponisten, die das styriarte-Publikum durch die Jahrhunderte geleiten. Von den Babenbergern zu den Habsburgern, die sich wie Kaiser Friedrich III. sein Herrschermotto in Musik fassen lassen, die wie Ferdinand III. oder Leopold I. selbst komponieren oder die wie Joseph II. die genialsten Komponisten der Welt an ihrem Hof versammeln. Und einen steirischen Bauernbuben in die illustre Reihe der Wiener Hofkomponisten aufnehmen: Johann Joseph Fux, dessen 350. Geburtstag 2010 gefeiert wird und auf den die styriarte ein besonderes Augenmerk richtet.

Aber auch der Untergang der Habsburgermonarchie lässt sich musikalisch erzählen: Ist doch der erwachende Nationalismus, der das Riesenreich schließlich von innen zerreißt, ganz eng mit den regionalen Identitäten verknüpft, deren Sprache eben auch die Musik ist. Tschechen und Ungarn, Kroaten und Slowenen erfinden sich als Nation zuerst in der Kunst, bevor sie tatsächlich politische Eigenständigkeit durchsetzen. Smetanas „Má vlast“ spielt dabei eine herausragende Rolle, aber die Wurzeln der nationalen Musiken Österreichs reichen weiter und tiefer zurück, in die Volksmusiken der so unterschiedlichen Gesellschaften, die sich im Kaiserreich versammeln. Und natürlich zu den Bürgern Österreichs selbst, die in der Musik ihre eigene Identität finden, die im Wiener Walzer die Bedrückung der Metternich-Ära wegtanzen oder mit Schuberts Liedern das eigene, bedürftige Selbst erfinden. Daraus entsteht ein so vielfältiges, so buntes Bild Österreichs, wie es der gängige Nationalismus gerade nicht haben möchte.

Ausgrenzung, Fremdheit, Abschottung sind die Kehrseiten der Entdeckung der Nation. Wer dazugehören darf und wer nicht, das ist ein veritabler Kulturkampf, der eben auch auf dem Gebiet der Musik ausgetragen wird. Auch diese Geschichte erzählt die styriarte. Denn Heimat hat sich wie überall so auch in Österreich stetig verändert und tut das auch heute. Unterschiedlichste Menschen haben hier eine neue Heimat gefunden und ihre Kultur mitgebracht. Andere gingen ins Exil und haben Österreich im Herzen und in der Musik mitgenommen. So wie der große Grazer Komponist Robert Stolz. In die USA emigriert, begann er dort mitten im Krieg mit einer Serie von Wiener-Walzer-Konzerten. Auf die Frage, warum er denn inmitten des Schreckens so etwas programmiere, sagte er sinngemäß: Wir dürfen den Nazis nicht unsere Musik überlassen. Wir müssen sie spielen, um zu zeigen, dass in ihr das ganze humanistische Potential liegt, das es zu schützen gilt. Was Paula von Preradović meinte, als sie die Österreicher als „begnadet für das Schöne“ zeichnete, kann man kaum besser zusammenzufassen. Sie wird diesen Satz weniger als Selbstlob denn viel mehr als Beschwörung verstanden haben. Als Hoffnung, dass die Kunst, die Musik hier tatsächlich etwas erreichen kann, ein Medium der Menschlichkeit sein kann. Diese Heimat meint die styriarte 2010. Diese Heimat klingt. Sie liegt im Imaginären, man kann sich nicht auf ihr ausruhen, sondern sie muss immer neu erarbeitet werden.