Robert Stadlober in interview
Robert Stadlober, zu Gast bei der Langen Nacht des Meeres 2, in der auch Kurt Palm, Fritz Muliar und Erika Pluhar auftreten werden, um aus bekannten Stücken des Meeresliteratur zu lesen, gilt als einer der talentiertesten Schauspieler seiner jungen Generation. Im Interview mit Patrick Heidmann für netzeitung.de sprach er über Sinnkrisen, Bisexualität und neue Ufer.
Als Plattenliebhaber Wuschel in „Sonnenallee“ sorgte er als 15-jähriger zum ersten Mal für Aufsehen, mit „Crazy“ war Robert Stadlober kurze Zeit später endgültig der neue Liebling des deutschen Films. Wenn er aber mal nicht lieb sein will, lästert Stadlober gerne mal über Kollege Schweiger, schmollt auf Stefan Raabs Sofa oder rockt bei Auftritten seiner Band Gary. Meistens aber dreht der gebürtige Österreicher einfach Filme – und beweist dabei, wie zuletzt in „Schwarze Schafe“ oder nun in „Berlin am Meer“, dass er noch immer zu den besten deutschen Schauspielern seiner Generation gehört.
In „Berlin am Meer“ spielen Sie eine Rolle, wie man sie durchaus schon von Ihnen kennt: einen jungen Mann in einer emotionalen Krise. Sehen Sie das auch so?
Klar, irgendwie schon. Das liegt aber daran, dass die meisten Rollen auf dem Markt so ähnlich sind. Menschen, die keine Sinnkrise haben, sind doch für einen Film ziemlich langweilig. Was mich nun speziell gereizt hat, war die Tatsache, dass seine Krise objektiv betrachtet eine ziemlich kleine ist. Wenn man das von außen sieht, ist das überhaupt nichts existenzielles, aber für ihn ist die Lage eben doch wahnsinnig belastend. Außerdem fand ich die Passivität super, mit der er darauf reagiert. Er lässt alles an sich vorbeiziehen und ist trotzdem wütend, dass nichts so läuft, wie er es sich wünscht. Die meisten anderen Filme drehen sich immer um riesengroße Probleme, aber das hier ist eine ganz normale, kleine Geschichte von ein paar Leuten Anfang 20 in Berlin, die versuchen, ihren Platz im Leben zu finden.
Haben Sie selber Ihren Platz im Leben schon gefunden?
Im Moment gerade wieder nicht. Ich hatte ihn eine Zeitlang, aber wie das mit Plätzen im Leben öfter so ist, fliegen sie einem ab und zu wieder weg. Gerade löst sich mein Zuhause in Wien auf, da ist einiges kaputtgegangen. Im wahrsten Sinne des Wortes: Die Decke meines Klos ist eingestürzt. Das kann man wahrscheinlich als Zeichen sehen, weil auch emotional einiges kaputt ging und nun wieder der Zeitpunkt da ist, zu neuen Ufern aufzubrechen.
Wo wird es denn hingehen?
Doch wieder nach Berlin. Man kann sich dem Sog scheinbar einfach nicht entziehen. Ich habe lange genug dagegen gekämpft, aber als Vernunftentscheidung macht das am meisten Sinn. Der Großteil meiner Freunde lebt immer noch dort und mein Leben orientiert sich eben immer wieder dahin. Ich muss zwar nicht in Berlin sein, um arbeiten zu können, aber man muss eben doch immer wieder beruflich hinfahren – und das wird dann künftig wieder wegfallen. Außerdem ist es auch für mein Plattenlabel mal nicht schlecht, wenn jemand in Deutschland ist und wir nicht alles von Wien aus machen müssen.
Die Sache mit dem eigenen Label ist also nicht kaputtgegangen?
Nein, das geht weiter. Ich stecke alle Zeit, die ich übrig habe, da rein. Schließlich ist es doch ein kleines Wirtschaftsunternehmen, auch wenn wir gar nicht profitorientiert arbeiten. Man muss einfach wenigstens einmal am Tag seine Mails checken und auf Anfragen antworten – und wenn wir kurz vor einer Veröffentlichung stehen, wird es dann auch mal ein bisschen arbeitsintensiver.
Sie haben sich zuletzt hin und wieder beklagt, dass es nicht besonders viele gute Rollenangebote geben würde. Kommen tatsächlich so wenige oder kommen einfach nur viele schlechte?
Beides, irgendwie. Ich denke eigentlich nicht, dass das nur an mir liegt und ich der einzige bin, der arbeitslos in der Gegend herumsitzt. Bei Kollegen sehe ich das genauso, und es kommt auch nur ganz selten mal ein Film ins Kino, wo ich mich ärgere, dass ich da nicht beim Casting war. Wahrscheinlich ist es einfach eine Altersfrage. Eine Zeitlang hat sich das Kino sehr auf junge Menschen konzentriert und jetzt geht es eben wieder mehr um Leute Anfang 30. Tatsächlich finde ich als Zuschauer das auch spannender, denn diese ganze Jugend-Nummer ist nun mal einfach von vorne bis hinten durchgekaut. Aber ich würde ja noch nicht einmal als 28-jähriger durchgehen!
Das ganze ist aber also eigentlich nur eine Phase, die irgendwann auch wieder vorüber ist?
Davon gehe ich aus, denn sonst könnte ich ja auch auswandern. Ich habe schon das Gefühl, dass bald wieder etwas passieren kann und ich auch noch neue Sachen machen will und muss. Mit meiner Schauspielkarriere habe ich noch nicht abgeschlossen, schließlich habe ich noch nicht den Film gemacht, bei dem ich das Gefühl habe, ich hätte alles erreicht, was ich erreichen kann. Teilweise bin ich schon nahe dran gewesen, mit „Peer Gynt“ zum Beispiel. Das war schon auf einem anderen Level als das, was ich sonst so gemacht habe. Aber auch das ist noch ausbaufähig.
Haben Sie denn manchmal auch das Gefühl, Sie bekommen manche Rollen gar nicht erst angeboten, weil Sie sich mit Ihrer rebellischen Art einen gewissen Ruf beschert hast?
Klar, das kann durchaus sein. Aber das hat eben auch ganz viel mit meiner Person zu tun, und ich hätte sicherlich meine bisherigen Rollen so nicht spielen können, wenn ich nicht wäre wie ich bin. Teilweise bin ich nun mal sehr direkt und war eine Zeitlang auch sehr exaltiert. Vielleicht bin ich es sogar immer noch. Das kommt einem bei der Arbeit vielleicht manchmal in die Quere. Manche Leute wollen gerne ein Geheimnis um ihre Schauspieler haben, diesen Edward Norton-Faktor. Da weiß man überhaupt nicht, was das für eine Person ist. Aber bei mir ist eben das absolute Gegenteil der Fall. Zwar stimmt das Bild, das viele von mir haben, gar nicht unbedingt mit meiner Person überein, aber jeder hat bei mir auf Anhieb eine vorgefertigte Meinung. Da schwingt wahrscheinlich vieles mit, was es schwieriger macht, mich gegen den Strich zu besetzten.
Waren Sie früher bewusst so exaltiert, um zu provozieren?
Ich weiß nicht, ob man mit 17 oder 18 Jahren überhaupt irgendetwas bewusst tut. Aber ich habe mir die Sache schon überlegt. Nicht unbedingt einzelne Aussagen in Interviews, aber auf jeden Fall meine ganze Grundhaltung. Heute erkenne ich, dass ich versucht habe, mich gegen alles zu wehren. Gegen das, was über mich gesagt wurde, wie ich behandelt und auch hochgelobt wurde. Mein Verhalten war irgendwie der Versuch, das komplette Gegenteil zu machen, mal bewusst und mal auch unbewusst. Heute bin ich nicht nur älter, sondern die ganze Situation hat sich entspannt. Das Interesse an mir ist einfach nicht mehr so groß wie damals, als jeder Fingerzeig von mir zu einem seltsamen Skandal wurde. So konnte ich den Abstand und die Ruhe finden, um zu erkennen, dass tatsächlich manches in die falsche Richtung ging.
War es dafür damals auch so wichtig, weg aus Berlin und Hamburg zu gehen und nach Wien zu ziehen?
Ja, absolut. Wien war schon irgendwie eine Flucht aus meinem gewohnten Leben. Ich wollte nicht mehr in Deutschland jung und halbprominent sein und in dieser ganzen Maschinerie mitschwimmen. Teilweise fand ich das ja auch toll, aber Wien hat mir dann Abstand gegeben, weil dort niemand in meinem Umfeld etwas mit diesem Geschäft zu tun hatte. Das hat mir definitiv geholfen zu erkennen, was mir im Leben wirklich wichtig ist.
Bereuen Sie denn manches im Rückblick auch?
Wenn ich heute Interviews lese, die ich in dem Alter gegeben habe, dann gibt es da auch Antworten, für die ich mich mittlerweile schäme oder die ich bereue. Da denke ich schon teilweise: „Mann, was warst du denn für ein degutantes kleines Arschloch?“ Aber so war ich eben mit 17, und in dem Alter ist man manchmal auch ein bisschen dumm. Wenn ich damals genauso gedacht und gesprochen hätte wie heute, dann wäre das ja auch ein wenig albern.
Auf welchen Film werden Sie heute noch am meisten angesprochen? Ist das tatsächlich „Sommersturm“?
Nein, komischerweise auf „Engel & Joe“. Im Kino hat den eigentlich fast niemand gesehen, aber auf DVD scheint der zu laufen wie Hulle. So ziemlich jedes Mädchen zwischen 12 und 18, das eine gewisse Affinität zu subkulturellen Phänomenen hat, guckt wohl irgendwann diesen Film. Das ist mir durch MySpace bewusst geworden. Da hatte ich eine nicht-private Seite und bekam haufenweise Anfragen von jungen Punk-Mädchen. Der Film scheint für einige Leute eine ziemliche Relevanz zu haben. Teilweise ist das ganz schön obsessiv, denn manche schauen sich den tatsächlich jeden Tag an.
Mit Marco Kreuzpaintner haben Sie nun auch „Krabat“ gedreht, einen teuren Mainstreamfilm. War das eine andere Art des Arbeiten?
Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Arbeit an „Krabat“ irgendetwas damit zu tun hat, wie man einen Mainstreamfilm dreht. In Rumänien am Set herrschte ein wahnsinniges Chaos, das war seelisch für uns alle richtig belastend. Für mich war das ein echter Einschnitt in meinem Leben, der mich richtig mitgenommen hat. Das ist zwar ein großer Film, in dem sehr viel Geld steckt, aber im Prinzip haben wir die ganze Zeit am Minimum arbeiten müssen, weil alles eigentlich noch sehr viel mehr Geld gebraucht hätte. Dennoch war „Krabat“ für mich wichtig, denn ich konnte wieder mit Marco zusammenarbeiten. Und es ist seit Jahren der erste richtig große Fantasyfilm aus Deutschland.
Sie haben über Kreuzpaintner mal gesagt, dass er ein Regisseur sei, der seine Schauspieler emotional auffangen kann und an dessen Schulter man sich auch mal ausheult. Brauchen Sie so ein enges Verhältnis zu Ihren Regisseuren?
Total, denn sonst geht bei mir eigentlich gar nichts. Natürlich ist das nicht immer der Fall, aber irgendwie kriege ich es dann doch meistens hin, dass diese enge, persönliche Bindung entsteht. Ich muss immer das Gefühl haben, dass der Regisseur mich als Person sehr, sehr gerne mag. Wenn das nicht so ist, dann tendiere ich dazu, nur ein 08/15-Programm abzuziehen. Ich habe dann Angst, bin unsicher und bleibe beim Spielen auf der sicheren Schiene.
Sind Sie prinzipiell am Set eher ein Teammensch oder brauchen Sie Ihre Ruhe?
Beides. Es gibt Abende, da sitze ich mit dem ganzen Team bis nachts um 4 Uhr an der Hotelbar, wenn der nächste Tag nicht zu intensiv ist. Aber wenn am Morgen was Großes ansteht, bin ich lieber der, der sich früh in sein Zimmer zurückzieht. Ich brauche schon Ruhe, um mein Ding zu finden. Auch am Set selber merke ich, dass ich mich schnell in Blödeleien verliere und schäle mich deswegen oft aus der Gruppe heraus, damit ich allein sein und die Konzentration halten kann.
Um noch einmal auf das Thema Musik zurückzukommen: was wurde eigentlich aus Ihrer Band Gary?
Die gibt’s seit kurzem wieder! Im Dezember gehen wir wieder auf Tour, und im Januar machen wir eine neue Platte. Wir sind natürlich älter geworden und nutzen Gary nicht mehr nur als Vehikel, um auf Klassenfahrt gehen zu können. Mittlerweile sind wir zu fünft und haben eine Keyboarderin dabei, die auch singt, und einen zweiten Gitarristen. Alles ist ein bisschen durchdachter und wir wollen einfach schöne Musik machen. Aber natürlich behalten wir unsere Schrottigkeit und werden jetzt nicht plötzlich Genesis!
Ist die Musik wichtig als Ausgleich zur Filmerei?
Ja, weil man sonst einfach wochenlang nur rumsitzen würde. Ich muss zwischendurch immer irgendetwas machen, sonst werde ich irre. Ich bin jemand, der schnell den Antrieb verliert und würde einfach nur zu Hause sitzen und gar nichts mehr machen. Deswegen muss ich immer etwas tun, um wach zu bleiben. Da ist Musik definitiv etwas, was unbedingt hilft. Als Schauspieler beschäftigt man sich ja sonst auch viel zu viel mit sich selbst, denn da geht es immer nur um die eigene Psyche und Person.
Wenn Sie ab und zu Zeichentrickfilme synchronisieren oder Hörbücher einlesen, ist das auch eine Art Beschäftigungstherapie?
Natürlich geht es auch darum, wieder mal ein bisschen Geld in die Kasse zu bekommen. Es ist ja auch mein Beruf. Ein Hörbuch zu machen gehört genauso dazu, wie einen tollen Film zu drehen. Das kann auch tierisch Spaß machen. Gerade gestern habe ich zum Beispiel morgens um 9 Uhr in Graz für sieben Grundschulklassen Geschichten von Astrid Lindgrens „Michel aus Lönneberga“ vorgelesen. Damit verdient man natürlich nicht viel Geld, aber es war super geil. Das ist kein normales Theaterpublikum, das sich hinsetzt und still ist. Kinder werden unruhig, wenn zehn Minuten lang nichts Spannendes in der Geschichte passiert. Sie fangen an, sich zu unterhalten, einer hat sogar gekotzt. Man muss sie immer wieder catchen, und es war wirklich eine krasse Erfahrung, Aufmerksamkeit zu kriegen von Leuten, die so schnell abdriften.
Sie sollten auf keinen Fall Die lange Nacht des Meeres 1 versäumen, in der Rainer Hauer, Tobias Moretti, Heilwig Pfanzelter und Wolfgang Kaven aus weiteres bekannten Werken der Meeresliteratur lesen werden.
